Eine chronische Krankheit

Poetische Diarrhöe – diesen Begriff sucht man im Lexikon vergebens. Und doch leidet Vera Simon nach eigener Aussage unter dieser Krankheit. Wie muss man sich das vorstellen? Dazu habe ich ein kleines E-Mail-Interview mit ihr gemacht.





Frage: Poetische Diarrhöe – Was ist das?

Vera Simon: Tja, Diarrhöe kennt ja wohl jeder. Da muss ich wohl nicht viel dazu sagen. Und poetische Diarrhöe, darunter leiden viele Leute. Ich leider auch. Das ist halt Diarrhöe auf lyrischer Ebene. 

Frage: Ich verstehe das immer noch nicht so ganz. Könntest du präziser werden?

Vera Simon: Okay. In meinen Augen leidet derjenige unter poetischer Diarrhöe, der zu allem und jedem ein Gedicht verfassen muss. Das ist ein Zwang, kann ich dir sagen. Du siehst z. B. eine Rose und dir kommt ein kleines Rosengedicht in den Sinn. Oder du telefonierst mit irgendjemandem und plötzlich fängst du nebenbei nicht zu kritzeln, sondern zu dichten an.

Frage: Das ist ja furchtbar! Kann man das auch stoppen?

Vera Simon: Leider nein. Es überkommt einen halt. Ziemlich häufig und in den dümmsten Zusammenhängen. Letztens saß ich in einem Wirtshaus auf dem Klo und dachte nur: Verdammt, jetzt hast du kein Papier und keinen Kugelschreiber! Mir kam ein so schönes Gedicht über die Vergänglichkeit in den Sinn … Leider war es in der Gaststube dann schon wieder verflogen.

Frage: Es ist also wichtig, den Augenblick zu nutzen?

Vera Simon: Klar, also normalerweise habe ich immer einen Stift und einen kleinen Notizblock bei mir. Die Situation, in der sich die poetische Diarrhöe zeigt, ist immer einmalig und kommt nicht wieder. Jedenfalls genau so kommt sie nicht wieder.

Frage: Kann man die poetische Diarrhöe auch irgendwie herausfordern, etwa, indem man ihr ein Stichwort gibt?

Vera Simon: Hmm, das müsste man probieren.

Frage: Gut, dann probiere ich es mal. Ich gebe mal die Stichwörter "Auto" und "Rauchen".

Vera Simon: Das ist ja wirklich nicht schwer! Hier das Gedicht:

Merksprüchlein für den Hausgebrauch

Ein Kondom aus Zellophan
legt selbst wahre Liebe lahm.

Doch liebst im Auto du die Maid,
bleibt zum Rauchen keine Zeit.

Und unterm Baum im grünen Gras
schmeckt der Sex auch ohne Glas.

Frage: Das ist in der Tat poetische Diarrhöe! Kommen da immer solche Gedichte raus?

Vera Simon: Nein, natürlich ist das ein Ausrutscher. Die meisten meiner Gedichte sind entweder ernst oder wollen zum Nachdenken anregen. Meiner poetischen Diarrhöe sind auch viele Liebesgedichte bzw. Liebeserklärungen entsprungen (ja, ich liebe meinen Mann immer noch von ganzem Herzen!). Aber ich denke, du weißt jetzt, was ich mit poetischer Diarrhöe meine …





Wie schön, dass Vera Simon an poetischer Diarrhöe leidet! So konnte ich sie gewinnen, doch hin und wieder ihre „Ausflüsse“ hier zu präsentieren.