Das Lied der Freundschaft und Liebe (1)

Du bist die Meisterin der Sänger,
die alle Tage jubeln.
Du bist die Meisterin der Worte,
die niemals ausgesprochen werden.
Du bist die Meisterin der Fluten,
die jeden Landstrich überspülen.
Du bist die Meisterin der Mütter,
die ihre Kinder wiegen.
Du bist die Meisterin der Frommen,
die ihre Hände falten.
Du bist die Meisterin der Gluten,
die jeden Brand entflammen.
Du bist die Meisterin der Jugend,
die dir ihr Opfer bringt.
Du bist die Meisterin der Stolzen,
die ihren Dünkel lieben.
Du bist die Meisterin der Frauen,
die sich deinem Tempel weihen.
Du bist die Meisterin der Männer,
die sich deiner Lockung fügen.
Du bist die Meisterin der Dichter,
die deine Werke preisen.
Du Freundschaft, du!
Du Liebe, du!





Wenn du die Freundschaft triffst,
hüte sie wie ein Feuer in kalter Winternacht,
bewahre sie wie ein funkelndes Kleinod,
blicke zu ihr auf wie zu einem Stern,
der über dir wacht.

Verneige dich vor ihr
wie vor einem König,
der prächtig gekleidet
dir Armem eine Audienz gewährt.

Trage sie als Ring an deinem Finger,
damit sie deine suchende Hand
ihre Wege der Liebe führt.





Suche die Liebe, die nicht beherrscht,
das Vertrauen, das deinen Rücken frei hält,
die Freundschaft, die ewig brennt und sich doch nicht verzehrt.

Und wenn du gefunden hast,
was du gesucht,
zittere vor dem Orkan:
Du wirst nicht zerbrechen,
dich nicht entwurzeln lassen.
Du wirst eins sein mit den Gewalten,
dich im Sturm beugen wie die Weide,
dein Haupt erheben, wenn alles vorbei.

Du wirst in den Himmel aufsteigen können
und in der Hölle nicht verwesen.
Dein Herz wird sich wie ein Adler erheben
und majestätisch über der Erde kreisen.

Freundschaft und Liebe erleuchten deine Wege,
Vertrauen ebnet deinen Pfad
und dein Fuß wird niemals straucheln,
denn samtene Hände führen deinen Arm.





Pflücke der Freundschaft
am Ende des Winters
das erste Veilchen
inmitten des Schnees.

Und wenn es Herbst geworden ist,
ernte für sie die Süße der goldenen Trauben.

Im Frühjahr finde dich ein
zum berauschenden Tanz mit ihr,
auf daß die Sonne des Sommers
auch im Schatten über euch leuchte.





Webt an dem Teppich eurer Freundschaft,
solange euch die Zeit dazu geschenkt ist.
Knüpft die bunten Fäden der Phantasie ineinander,
solange ihr die Wolle dazu findet.
Öffnet eure inneren Augen,
laßt sie die verschlungenen Muster sehen,
deren Schöpferin die Zuneigung ist.
Glaubt an die Schönheit der Farben,
deren Leuchtkraft eure Gedanken mischen.
Und immer, wenn eure Füße
im Flausch des Teppichs eurer Freundschaft ruhen,
seid den himmlischen Mächten dankbar,
die euch zu Mitschöpfern werden ließen
an jenem Teppich der Liebe,
der Kontinente und Länder bedeckt.





O Freundschaft! O Liebe!
Ich preise euch aus tiefster Seele!
Ihr macht aus dem boshaften Menschen
ein Wesen, das Mitleid hegt,
aus einer Frau, die nur an sich denkt,
eine Dienerin der Mitmenschlichkeit,
aus einem Mann, für den nur Erfolg zählt,
einen Bruder, der offenen Blicks die ganze Welt wahrnimmt.
Und aus mir macht ihr eine vollkommene Seele.
Ich war blind und ihr habt mir einen Lahmen geschenkt.
Er weist mir den Weg und ich trage ihn.
Zusammen gehört uns die ganze Welt,
allein gehören uns nur Splitter des Seins.
O Freundschaft! O Liebe!
Ich weine ob eurer Wunder!





Ohne Liebe und Freundschaft
wird der Baum, den du gepflanzt hast,
weder Blüten treiben noch Früchte reifen lassen.

Du baust dein Haus auf abschüssigen Grund,
wenn du Liebe und Freundschaft
nicht zu dem Fundament machst,
auf dem du Balken und Steine errichtest.

Ohne Liebe und Freundschaft
wirst du im Herbst alleine den Stürmen trotzen
und die Blätter fallen sehen,
ohne Hoffnung auf einen neuen Frühling.

Du entbehrst der Schönheit des Lebens
mit ihren zaubrischen Düften
und ihren lockenden Blütenkelchen,
wenn du Liebe und Freundschaft
nicht zu dem Auge machst,
durch das du die Welt in dein Herz einläßt.





Zwischen Wiege und Sarg
kreuzigt die Welt deine schweigenden Brüder,
ohne daß sie den Himmel erschüttert
oder die Erde sich auflehnt.
Das Seufzen deiner Nachbarn macht dich zum Zeugen,
wenn ihre Hände den Becher der Schmerzen erheben.
Auf dem Bett ihrer Preisgabe
sehnt sich die Prostituierte nach Worten,
die ihrer Seele die Wunden schließen.
Die tastenden Finger des Blinden
suchen den Weg aus der Dunkelheit,
in die sie eingekerkert sind.

Und du schaust zu,
du König der Liebe und Freundschaft,
der du nur dein Zepter richtig führen mußt,
um die Gefesselten zu befreien
und die Verachteten zu adeln.
Wie lange noch willst du von Priestern
in kahlen Kirchen und düsteren Krypten
Messen der Passion lesen lassen?
Erhebe dich endlich von deinem Thron
und erklimme die Gipfel der Liebe!





Mitgefühl läßt dich berühren
das Herz deines Nächsten.
Anteilnahme übersteigt die Mauer,
die dich von einem Verbrecher trennt.
Was nutzen endlose Gebete
in der Klausur deines kleinen Klosters,
wenn du nicht die Worte findest,
mit denen du Tränen trocknen kannst?
Die Flammen der Welt werden dich verbrennen,
wenn du nicht mit dem Wasser der Liebe
die tosenden Feuerstürme löschst.
Asche wirst du sein,
vom Wind des Vergessens verweht,
wenn du nicht das Herz deines Nächsten berührst
und die Mauer zwischen dir und dem Verbrecher übersteigst.
 




Wo Freundschaft und Liebe
eine Brücke zwischen dir und mir erbauen,
ist sie haltbarer
als eine Brücke aus Stein oder Stahl,
wird sie öfter benutzt
als eine Brücke zwischen zwei Ländern,
wird sie öfter erneuert
als eine Brücke aus längst vergangener Zeit.
Und ohne daß wir es merken,
spannen Freundschaft und Liebe
diese Brücke über unsere Herzen hinweg
hin zu den Ufern anderer Herzen,
die mit uns verbunden sind,
hin zu den Ufern der Ewigkeit,
wo unsere Herzen keine Brücken mehr brauchen,
weil sie vereint im Urgrund
die Flüsse der Tränen überwunden haben.