Das Lied der Freundschaft und Liebe (2)

Sei achtsam,
wenn du in der Freundschaft sprichst!
Worte sind wie Pfeile:
Einmal ausgesprochen,
holst du sie niemals zurück.
Und wenn du ein geübter Schütze bist,
triffst du immer in das Herz des anderen.
Darum sei achtsam,
wenn du in der Freundschaft sprichst!





Und wenn deine Liebe
fremde Länder bereist:
Sorge dich nicht!
Wahre Liebe kann kein noch so gerissener Dieb rauben,
sie zerbricht selbst dann nicht,
wenn du zu zerbrechen drohst;
sie schmilzt selbst dann nicht,
wenn flirrende Saharasonne wüstet.
Sorge dich nicht!
Wahre Freundschaft wohnt im Herzen,
wo selbst Gottes Macht endet.
Und das Herz, das dich liebt,
kann dich auch dann nicht vergessen,
wenn die Stürme des Ozeans eure Lippen trennen.





Lege deine Hand auf meine Haut,
lege sie so auf meine Haut,
daß du jede Pore,
jedes kleinste Härchen
spüren kannst.
Fülle jede Falte meines Fleisches aus,
nimm jedes Äderchen meines Körpers wahr.
Berühre mich,
als ob du mich
zum ersten Mal berührst,
so, als würdest du ein Wunder berühren,
das sich in nichts auflöst,
wenn du es verletzt.
Erkunde die Weiche meiner Hände und meines Busens,
solange du keinen Widerstand spürst.
Laß deine Fingerkuppen auf meinen Wangen tanzen
und deinen Atem auf meinen Augenlidern ruhen.
Sei gewiß:
Du berührst nicht nur meinen Körper,
sondern löst Schauer
in den geheimsten Kammern
meiner Seele aus.
 




In einem fernen Land leben Menschen,
die wissen, daß sie arm sind in der Liebe.
Ihnen schenke deine Freundschaft.
Sie trauern, denn sie wissen,
daß sie zu wenig lieben.
Ihnen schenke deinen Trost.
Ihre Worte und Taten sind wie Blumen,
die sanft den Marmor des Tempels bedecken.
Ihnen schenke dein Vertrauen.
Sie hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit.
Ihnen schenke die Nahrung, die du übrig hast.
Ihre Hände sind erfüllt von Barmherzigkeit.
Ihnen schenke dein Erbarmen.
Ihre Herzen sind rein wie Quellwasser.
Ihnen schenke dein Leben.
Sie stiften Frieden, wo Krieg herrscht.
Ihnen schenke den Ehrenplatz an deiner Tafel.
Sie sind das Salz der Erde,
sie sind das Licht der Welt.
Ihnen reiche deine Hände,
Ihnen versprich deinen Bund.





Der Engel der Freundschaft ist listig,
wenn er zwei Menschen unzertrennlich verbinden will.
Manchmal flüstert ein Wort nur,
kaum hörbar für unsere Ohren,
manchmal schiebt er Ereignisse in unser Leben,
die uns aus der Bahn werfen
und auf neue Wege zwingen.
Ein anderes Mal blickt er uns so unschuldig an,
daß nur ein versteinertes Herz
sich seinem Blick entziehen könnte.
Der Engel der Freundschaft ruht nicht,
bis er zwei Menschen unzertrennlich verbunden hat.
Er wacht über ihren Seelen
am Morgen, wenn sich die Sonne erhebt,
und am Abend, wenn die Sterne auf ihre Reise gehen.
Und wenn er am Ende der Tage
sein heiliges Werk vollbracht hat,
tanzt er freudestrahlend das Lied der Liebe
und ist der glücklichste der Engel vor Gottes Thron.





In den wachen Stunden der Nächte,
wenn uns Fragen überfallen,
die uns quälen
und denen wir uns nicht entziehen können,
brauchen wir die Freundschaft,
die Wache hält.

Wie ein Stern geht sie über uns auf,
und leuchtet uns im Dunkel der Gedanken,
das uns verschlingen will
und dem wir uns nicht gewachsen fühlen.
Wir brauchen die Freundschaft,
weil sie Wache hält.





Und Jonathan, der Sohn von Saul,
schloß David in sein Herz
und er liebte David wie sein eigenes Leben
und er schenkte ihm seinen Mantel und seine Rüstung
und sein Schwert, seinen Bogen und seinen Gürtel.

Und als Saul, der Vater Jonathans,
David töten wollte,
warnte Jonathan David
und stellte sich schützend vor ihn.

Und noch heute besingen Menschen
die Freundschaft zwischen Jonathan und David
und noch heute lebt die Freundschaft
wie zu Zeiten Jonathans und Davids
unter den Menschen.





Ein mancher ist Freund je nach der Zeit,
Am Tag der Not hält er nicht Stand.
Mancher ist Freund als Gast an deinem Tisch,
Am Tag des Unheils siehst du ihn nicht.

Wenn du also einen Freund gewinnen willst,
gewinne ihn durch Erprobung,
schenke ihm nicht zu schnell dein Vertrauen.

Erst wenn du ihn erprobt hast,
beschenke ihn mit allem, was du hast,
denn in der Freundschaft fragst du nicht,
was dir dies oder jenes bringt;
die Liebe der Freundschaft besitzt nichts für sich
und läßt sich nicht besitzen.
Nur in der Liebe der Freundschaft fühlst du dich freier
als an der Brust deines Partners.





Die einen suchen einen Freund ohne Fehler.
So bleiben sie allein.
Andere schließen Freundschaft
und schielen auf den Gewinn.
So werden sie kein Glück finden.
Um Freundschaft finden zu können,
müssen zwei Menschen
gleich viel geben und empfangen wollen.

Denn Freundschaft ist ein Pfad,
auf dem sich zwei Menschen treffen.
Manchmal verläuft er in Windungen,
die beiden verlieren sich kurz aus den Augen.
Wenn sie einander rufen, aufeinander warten,
kann den beiden Wanderern nichts geschehen.
Gemeinsam finden sie den Weg,
der sie durch den dunklen Wald führt.





Halte dich von Menschen fern,
die aller Menschen Freund sein wollen.
Solche Menschen sind als Freunde nichts wert
und seien es noch so viele:
Ein Bündel Röhricht hilft auch nichts,
wenn ein Stab fehlt.
Es ist besser, einen einzigen Freund zu haben,
der viel wert ist, als viele zu haben,
die nichts wert sind.

Allein dir muß die Achtung des Menschen gelten,
den du Freund nennst.
Du erkennst sein Wohlwollen,
auch wenn kein Wort gesprochen wird.
Der Pförtner seines Hauses ist freundlich,
sein Hund wedelt mit dem Schwanz,
wenn er dich sieht,
und wenn man dich empfängt,
rückt man dir als erstes den Stuhl zurecht.





Berühre die Freundschaft
mit zärtlichen Händen
und zärtlichem Blick,
als ob du einen Vogel umfaßt:
Fühlt er sich frei,
kehrt er jederzeit
in dein Haus zurück
und deine Räume
bleiben erfüllt von Musik.





Sie reicht nur die Hände,
ergreifen mußt du sie selber.
Sie flirtet nur mit dir,
die Heirat liegt in deiner Entscheidung.
Wo sich dir die Freundschaft nähert,
spürst du nicht den geringsten Luftzug,
kein Regen näßt dich,
du brauchst dich vor keinem Unwetter zu schützen.
Wo sich dir die Freundschaft nähert,
da freut sie sich,
wenn du mit ihr gehst,
aber sie zwingt dich nicht.
Sie schließt sich dir an,
wenn du es willst,
aber aufdrängen wird sie sich nicht.
Wenn du willst, bist du frei,
wenn du frei bist, dann willst du es so.
Denke daran,
daß sie so frei sein will wie du,
um wie ein Zugvogel
fortzufliegen und wiederzukommen,
wann sie will.





Geblendet gehst du deine Wege
im schimmernden Licht.
Die Dämmerung umhüllt deine Augen
mit gespenstischen Nebeln.
Fürchte dich nicht!

Die Freundschaft öffnet deine Lider,
läßt leuchten dir die Sterne,
rollt jeden Stein von deinem Pfad.
Laß sie nur wirken und:
Fürchte dich nicht!





Noch gestern lebte ich in der Brunnentiefe der Einsamkeit,
dort wo kein Licht hindringt und sich kein Wort hinverirrt.
Verlassen lebte ich am Boden des Glücks,
wo der Schlamm der Traurigkeit die Füße beschmutzt.
Das Leben wußte nichts von mir
und ich wußte nichts vom Leben.
Ich lebte als stummes Wort in den Eingeweiden der Nacht,
meine Augen folgten den Bahnen der Sterne,
ohne je ihr Funkeln zu gewahren.

Heute badet meine Seele in den Wellen des Meeres,
die Luft vibriert von Heiterkeit,
die Lippen des Tages küssen meine Wange,
eine rote Rose fällt dornenlos in meinen Schoß.
Wo immer ich hinblicke, sehe ich dein Bild,
was immer ich tue, es ist von dir erfüllt.
Du hast meine Vergangenheit
mit meiner Zukunft verbunden.
Ein Seufzer, ein Wort, ein Blick von dir
genügte.