Vom Einhorn

Das Einhorn springt und tanzt da, wo es nicht verfolgt wird, um sein Horn zu Geld zu machen; es tritt da in das Leben der Menschen, wo sich das verzweckende Denken weitet und der Sehnsucht nach Liebe, Wahrhaftigkeit, Güte und Mut öffnet; es begegnet uns dort, wo unsere Träume Frucht tragen, Freude und Spiel keine Fremdworte sind.

Die Geschichten um das Einhorn, die uns die Traditionen der Völker und Zeiten übermitteln, lassen uns dieses einmalige Tier lieb gewinnen. In ihnen zeigt sich das Einhorn als Geschöpf, das Unsichtbares in Sichtbares verwandelt und so unsere Welt in vollkommener Weise vergeistigt. Als geistiges Sinnbild und poetische Wirklichkeit verzaubert das Einhorn unser Leben.

Wer heute ein Einhorn sehen will, muss Glück haben, denn nur noch selten lassen sich diese scheuen Tiere in der Menschenwelt blicken. Wie seit Urzeiten leben sie in der Welt der Spiegel, die bis vor wenigen Jahrtausenden kaum von der Menschenwelt getrennt war. Beide Reiche waren zwar schon immer grundverschieden, bekämpften sich früher jedoch nicht, sondern lebten in Frieden miteinander. Man konnte durch die Spiegel ein und aus gehen, bis der Kaiser der Menschen eines Nachts mit seinem Heer das Reich der Spiegel überfiel und alle seine Bewohner zu Sklaven und den Menschen dienstbar machen wollte. In blutigen Kämpfen siegten jedoch die Bewohner der Spiegelwelt mit ihren magischen Kräften über die Heere der Eindringlinge, schlugen sie zurück und versiegelten die Welt der Spiegel gegenüber der menschlichen Gier. Seit diesem Krieg zwischen den Welten ist es den Menschen nicht mehr möglich, in die Welt der Spiegel einzudringen und nur in ihren Träumen gelingt es ihnen seitdem hin und wieder noch, einen Einblick in diese für immer verschlossene Welt zu erhaschen.

Es sind die Weisen unter den Menschen, die ihre Träume betrachten und aus ihnen das Wissen um die Welt hinter den Welten gewinnen. Von ihnen stammt auch die Kunde über die Einhörner, die auf alten, oft vergilbten Pergamenten aufgezeichnet ist. Einhörner, so wissen diese Schriften, leben tief im Zauberwald, jenseits der Ströme des ewigen Wassers, in Höhlen. Von einer dieser Höhlen steht geschrieben, dass sich vor ihr eine saftige Wiese erstreckt, in deren Mitte ein kleiner Teich liegt. Darin spiegelt sich das Einhorn jeden Tag und betrachtet seine Schönheit: sein Horn aus Elfenbein, seine Hufe aus reinstem Gold, den Karfunkelstein auf seiner Stirn. Selbst in der dunkelsten Nacht schimmert das Horn milchig und muschelfarben von der Spiegelfläche des Sees. Jahrhundert um Jahrhundert erfreut sich das Einhorn seiner unwiderstehlichen Schönheit und Reinheit und lässt sich auch von einem Wind, der über das Wasser des Teiches streicht und das Spiegelbild des Einhorns zerstört, nicht aus seiner Ruhe bringen. Das Einhorn genügt sich selbst, so heißt es in jenen Schriften, und vermeidet so gut es geht jeden Kontakt mit lebenden Wesen, ohne dass es sich dadurch einsam fühlt.

So lebt das Einhorn in einer Welt der Vollkommenheit, von der die Welt der Menschen sich entfernt hat. Dabei hat Gott, der Schöpfer, indem er der Erde eine Kugelform gab, auch die irdische Welt auf Vollkommenheit hin angelegt. Die Kugel ist die gleichförmigste aller Formen, alle Punkte der Oberfläche sind gleich weit von ihrer Mitte entfernt wie jeder Mensch von Gott, ob reich oder arm. Nur: Die Menschen haben alles getan, um sich unterschiedlich weit von ihrer Mitte, Gott, zu entfernen, während in der Welt, in der das Einhorn lebt, die ursprünglichen Gesetze der Schöpfung noch intakt sind. Das ist auch der Grund, weshalb die Sterne und Planeten in der Spiegelwelt kugelförmige, lebendige Wesen sind, die zur Freude der Bewohner jener uns verschlossenen paradiesischen Wirklichkeit und zum Lob ihres Schöpfers spontan und freiwillig über den Himmel der Nacht kreisen. Manche weise Forscher behaupten sogar, dass, wenn der Himmel wirklich das Haus der Engel ist, die Sterne und Planeten jener Spiegelwelt zweifellos Engel seien, da es ja keine anderen Bewohner des Himmels gäbe.

Ein in mittelalterlichem Latein geschriebenes Werk erzählt vom Gesang des Einhorns. Einst soll ein Jäger tief im dunklen Wald ein ihm unbekanntes Singen gehört haben. Er schlich sich behutsam an die Quelle des Gesangs heran und gewahrte an einer Lichtung durch ein blühendes Ginstergesträuch hindurch lugend eine Einhornmutter mit ihrem Kleinen. Ahnungslos, dass es belauscht wurde, sang das mütterliche Einhorn weiter, während es sich wie ein Hund gelagert hatte. Geschmeidig und glatt glänzend erschien dem Jäger das Fell des Tieres; seine Schultern reichten über des Jägers Kopfhöhe hinaus, der wohlgeformte Körper war schneeweiß, Hals und Schädel wie der eines Pferdes geformt. Der Jäger konnte sich von dem Anblick nicht lösen, als das noch nie gesehene Tier freudig seine Triller sang; fast sichtbar wogten die schimmernden Töne in der Kehle des Muttertieres. Es schien, als wollte das Einhorn mit dem Jungtier an seiner Seite ein Preislied des Dankes und der Freude am Leben von sich geben, ein Preislied, wie es in der Welt der Menschen schon lange verstummt ist.

Das Einhorn soll den Menschen die Schrift gebracht haben. So jedenfalls erzählt es eine chinesische Chronik. Vor Tausenden von Jahren saß der Kaiser Fu Hsi am Gelben Fluss, dessen Wasser ihm so flüchtig wie das menschliche Leben erschien. Als er einen Kieselstein aufheben wollte, erschien ihm ein Einhorn, bei den Chinesen "Himmelspferd" genannt. Anmutig watete es durch den Fluss, der klar wie ein Gebirgsbach wurde und dessen Steine plötzlich wie Smaragde leuchteten. Vor dem Kaiser angelangt, stampfte es dreimal mit seinem Huf auf Gestein und sprach ihn mit einer Stimme an, die wie eine silberne Glocke klang. Auf dem Rücken des edlen Tieres erblickte der Kaiser nie zuvor gesehene Zeichen und Symbole, die er seinem Gedächtnis einverleibte. Kaum war das Himmelspferd verschwunden, zeichnete er diese Linien und Bögen mit einem Stock in den Uferschlamm des Flusses. Daraus sollen sich die chinesischen Schriftzeichen entwickelt haben, ein göttliches Geschenk an die Menschen, die jetzt fähig waren, ihre Gedanken und Ideen über Generationen hinweg überleben zu lassen. Kein Wunder, dass die alten Chinesen im Erscheinen eines Einhorns eine glückliche Prophezeiung erkannten. Da das Himmelspferd bei seinem Schreiten nie einen Grashalm oder ein lebendes Wesen verletzte, von Natur aus also sanftmütig war, erschien es nur gerechten und gütigen Menschen. Immer wenn Menschen ihre Gier nach Macht und Reichtum auslebten oder Kriege führten, blieb das Einhorn ungesehen - es sei denn, es bestrafte böse Menschen, indem es mit seinem Horn das Herz eines Verbrechers durchbohrte.

Auch die Griechen kannten das Einhorn. Ktesias zum Beispiel, der Leibarzt eines persischen Königs berichtete seinen Landsleuten Hunderte von Jahren vor Christi Geburt davon, dass auf der Ebene von Hindustan Einhörner mit tiefdunkelblauen Augen weideten. Von ihrem Horn habe man ein Pulver abgefeilt, das als Trank verabreicht gegen tödliche Gifte wirkte. Das scheue Tier sei jedoch nur mit List zu erjagen gewesen. Man nahm Trommeln, Trompeten und Saiteninstrumente zur Hand und begann in der Nähe der Tiere, welche die Freude lieben, auf den Weiden zu musizieren. Eine geschmückte Frau stellte sich abseits mit einem Strick an einen Baum. Sobald die Musik ertönte, wagten sich die Einhörner näher zu kommen. Hatte sich eines der Tiere zu der Frau begeben und seine Vorderläufe in ihren Schoß gelegt, streichelte sie das wundervolle Wesen so lange, bis es einschlief und gefesselt werden konnte. Jetzt wurde das Horn abgeschliffen, das an der Spitze reinweiß und karminrot funkelte. Vielleicht ist diese Überlieferung der Grund dafür, dass manche Apotheke heute noch nach dem Einhorn benannt ist.

Der Vater von Alexander dem Großen, Philipp, soll einst sogar ein Einhorn geschenkt bekommen haben. In seinem Stall standen viele ehemals wilde Pferde, die er selbst eingeritten hatte, denn er war ein guter Reiter. Nun jedoch hinderte eine Verletzung den König daran, das prächtige Einhorn zuzureiten. So befahl er seinem besten Reiter, diese Aufgabe zu übernehmen. Doch gleichgültig, wer von seinen Edelleuten sich an das Tier heranwagte: Es warf alle Reiter nach kurzer Zeit ab. Dies beobachtete Philipps Sohn Alexander, den man später den Großen nannte und der damals gerade dreizehn Jahre alt war. Als alle aufgegeben hatten, das Einhorn einzureiten, bat er seinen Vater es ihn versuchen zu lassen. Philipp gewährte seinem Sohn diese Bitte, war er doch über den Mut seines Sohnes erstaunt und gleichzeitig erfüllt von Stolz. Alexander näherte sich dem Edelsten der Tiere, versuchte aber nicht wie seine Vorgänger den Rücken zu besteigen, sondern sprach sanft und lange mit dem himmlischen Pferd, kraulte es am Hals und lehnte seinen Körper gegen die weißen Flanken. Durch die sanfte Stimme Alexanders und die Wärme und Nähe seines Körpers beruhigte sich das Einhorn, das immer zutraulicher wurde. Schließlich bestieg es der königliche Jüngling und galoppierte davon, ohne dass er herab geworfen wurde. Bukephalos ("Stierkopf"), so nannte Alexander sein Einhorn, blieb das Lieblingsreittier des Welteneroberers, bis es starb. Allen Anwesenden hatte der junge Alexander gezeigt, dass das Wilde nicht mit Gewalt bezwungen wird.

Dass sich das Männliche mit dem Weiblichen vermischen muss und umgekehrt, um fruchtbar zu werden, zeigt eine indische Aufzeichnung über das Einhorn. Tief im Wald der Asketen lebte ein Heiliger, auf dessen Stirn ein Horn wuchs, weshalb er Einhorn genannt wurde. Mit seinem Vater führte er ein opferreiches Leben. Weil der König des Landes die Götter erzürnt hatte, indem er die Priester an seinem Hof betrog, musste das Volk Dürre und Hunger ertragen, denn es regnete nicht mehr. Weise Männer rieten dem König, den frommen Einhorn-Asketen an den Hof holen zu lassen, da nur er die Macht habe, Regen kommen zu lassen. Dies konnte jedoch nur mit einer List geschehen. Nie hätte der Asket seine Einsamkeit freiwillig aufgegeben. Der König schickte eine Hetäre als Jüngling verkleidet zu der Hütte des Asketen, der außer seinem Vater zuvor kein anderes menschliches Wesen gesehen hatte. Die Hetäre gewann durch ihre weibliche Anmut, durch Spiel, Gesang und Alkohol rasch das Herz des Einhorns, lockte es auf das Boot, mit dem sie gekommen war und entführte es mit Hilfe ihrer Gefährtinnen an den Hof des Königs. Dort begann der Regen zu strömen, als sich der Einsiedler mit der Hetäre in Liebe vereinte, und alle Not des Landes hatte ein Ende. Die beiden liebten sich von Herzen, der Einsiedler verzieh der Hetäre ihre List, heiratete sie und beide kehrten in den Wald der Asketen zurück, wo sie Nachwuchs bekamen.

Wie Treue und Liebe von Einhörnern verteidigt wurden, weiß ein großes Epos zu berichten. Weil zwei Liebespaare an der treuen Liebe des Partners zweifelten, wollten sie ihrem grüblerisch-freudlosen Dasein ein Ende setzen. Ohne es zu offenbaren machten sich alle vier Unglücklichen auf den Weg zum Zauberbrunnen der wahren Liebe, den Löwen und Einhörner bewachten. Ihr Plan sah vor, dass sie sich den Löwen zum Fraß vorwarfen. Gleichzeitig erreichten alle vier den Liebesbrunnen und es fiel ihnen wie Schuppen von den Augen: Niemand war dem Partner untreu geworden! Vom Glück dieser Erkenntnis berauscht, wollten die Paare umkehren, doch ein Zurück gab es nicht mehr. Die Löwen fielen die Menschen an. Da kamen die Einhörner den Bedrängten zu Hilfe und der Himmel verfinsterte sich. Erst als die schwarze Wolke über dem Kampfgetümmel sich wieder erhoben hatte, ließ sich erkennen, was geschehen war: Leblos lagen die Liebenden um den tiefen Brunnen, die kämpfenden Tiere waren versteinert. In seiner Barmherzigkeit berührte der Gott der Liebenden die ohnmächtigen Liebespaare mit seinem Finger und ließ sie wieder aus ihrer Starre erwachen. Jauchzend vor Glück fielen sie sich in die Arme. Es waren Einhörner, die das Leben der Liebe gerettet hatten.

Eine alte Legende belehrt uns über das Mitleid des Einhorns. Das erste Tier, dem Gott im Paradies einen Namen gab, soll das Einhorn gewesen sein. Gott berührte die Spitze des einzigen Horns, das dieses Tier besaß, und erhöhte es so über alle anderen Tiere. So lange Adam und Eva noch nicht vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten, lebten Tiere und Menschen in Frieden miteinander und die beiden ersten Menschen ritten auf dem Einhorn. Als Gott Adam und Eva wegen ihrer Sünde aus dem Paradies vertrieb, überließ er es dem Einhorn, im Paradies zu bleiben oder den Menschen in die Welt des Leids und der Mühen zu folgen. Aus Mitleid und Liebe wählte das Einhorn den Weg, den Adam und Eva gehen mussten und verzichtete darauf, am Ort der ewigen Freude und Schönheit zu bleiben. Für sein weites Herz segnete Gott das Einhorn mit besonderen Gaben.

In einer italienischen Handschrift des Spätmittelalters begegnet die Geschichte eines Landedelmannes, der eine Neigung zum Klosterleben hatte und sehr zurückgezogen lebte. Den Vergnügungen anderer Adeliger, wie Tanz und Jagd, hielt er sich fern. Stattdessen durchstreifte er am liebsten die Wälder, sammelte Pilze und Heilpflanzen. Eines Abends, als es schon dunkelte, erreichte er eine Lichtung, auf der er oft gerastet hatte. In der Dämmerung erkannte er eine Dame in blauem Gewand dort sitzen, in deren Schoß der Kopf eines Einhorns ruhte. Überrascht von diesem Bild des Friedens wollte sich der Landedelmann der Dame mit dem Einhorn nähern, doch sofort flohen Dame und Einhorn in das Dickicht des Waldes. Die Schönheit und Ruhe des Anblicks hatten den Adeligen so verzaubert, dass er seit dieser Begegnung immer wieder jene Lichtung aufsuchte, wenn es dämmerte. Obwohl er sich im Unterholz des Lichtungsrands versteckte und sich völlig ruhig verhielt, hatte er kein Glück und wartete vergeblich auf eine erneute Begegnung. Als er schon aufgeben wollte, die Dame und das Einhorn wieder zu sehen, erinnerte er sich der Liebe des Einhorns zur Musik. Und so ergriff er am nächsten Abend eine Laute und nahm sie mit in den Wald. Kaum hatte er begonnen sanfte, leise Liebeslieder zu spielten, näherten sich die Dame wie das Einhorn und der Landedelmann wurde selbst ein Teil jenes friedvollen Bildes, das er gesehen und nach dem er sich unentwegt wieder gesehnt hatte.

Viele Reisende des Mittelalters wollen Einhörner gesehen oder zumindest bei exotischen Völkern von ihnen gehört haben. Nicht selten berichten sie jedoch von Nashörnern, wenn sie von Einhörnern schreiben. Nur wenige der frühen abendländischen Reiseschriftsteller unterscheiden genau zwischen dem Tier mit dem Horn auf der Nase und jenem mit dem Horn auf der Stirn. Einer, der es mit diesem Unterschied genau nahm, stammte aus Lüttich und veröffentlichte unter dem Pseudonym "Johannes de Montevilla" auch einen Bericht über Einhörner. Sie sollen in dem sagenumwobenen Land des Priesterkönigs Johannes in enger Gemeinschaft mit Löwen gelebt haben. Eines Tages gab ein Löwe vor, krank zu sein und sterben zu müssen. Er bat ein Einhorn um dessen wehrhaftes Horn, damit er und sein Weib noch einmal allein in die Wüste gehen könnten, ohne schutzlos zu sein. Gutmütig wie es war, kam das Einhorn der Bitte des Löwen nach. Doch kaum hatte es ihm seine einzige Waffe überlassen, durchbohrte der Löwe das ungeschützte Tier und fraß es auf. Wer seinen Feind auch noch bewaffnet, braucht sich über den eigenen Tod nicht zu wundern, schloss der Lütticher Augenzeuge aus dieser Begebenheit.

Selbst in die christliche Mystik fand das Einhorn Eingang. So schrieben Kirchenväter von einer mystischen Jagd: Angeblich sei der Gottessohn zunächst nicht bereit gewesen, Mensch zu werden und für die Sünden der Menschen zu sterben. Gottvater musste ihn zu dieser Aufgabe treiben und ließ seinen Sohn vom Erzengel Gabriel verfolgen. Christus habe auf dieser Jagd die Gestalt eines Einhorns angenommen, das Gabriels Jagdhunde in einen verschlossenen Garten ("hortus conclusus") trieben, wo es sich in den Schoß Mariens, die dort mit offenen Haaren saß und wartete, flüchtete. In der mystischen Deutung der Kirchenväter bedeutet das einzelne Horn des Einhorns die Einheit von Gottvater und Gottsohn. Da es dem Querbalken des Kreuzes glich, nahm man das Horn auch als Hinweis auf Christi Kreuzestod. Und die Ruhe im Schoß Mariens steht für die Vereinigung Gottes mit dem Menschen in Jesus Christus, das Eingehen der Gerechtigkeit, Wahrheit, Friedfertigkeit und Barmherzigkeit Gottes in die menschliche Welt durch die Geburt des Heilands aus Maria.

Hildegard von Bingen, die große christliche Mystikerin und Naturkundlerin, erzählt von einem Gelehrten, der schon alle Tiere erforscht hatte, aber noch nie ein Einhorn zu sehen bekam. Als er eines Tages mit einer Gruppe von jungen Mädchen und Männern einen Wald durchstreifte, trennten sich die Mädchen von den Männern und spielten etwas abseits auf einer Waldwiese. Der Gelehrte unterhielt sich mit den Männern, als er plötzlich folgendes Bild sah: Ein Einhorn, das sich genähert hatte, setzte sich auf die Hinterläufe und beobachtete gebannt die spielenden Mädchen. Da wurde dem Gelehrten schlagartig klar, warum er selbst niemals ein Einhorn zu sehen bekam: Das Einhorn, so schloss er aus seinem Erlebnis, ist scheu und misstraut allen menschlichen Wesen mit Ausnahme junger Mädchen, weil diese keine Bärte tragen und damit nicht ihr inneres Wesen voll Reinheit und Anmut verbergen.

Nur selten, aber immerhin, begegnet das Einhorn auch als Symbol des Todes. In einem Gleichnis wird es als dem Menschen feindlich gesinnt beschrieben. Wenn einer nur die Genüsse des Lebens erlangen und seinen Leidenschaften frönen will, so wird er sich vor dem Einhorn, das ihn erhaschen, mit seinem Horn durchbohren und auffressen will, hüten müssen. Das Einhorn, so jenes Gleichnis, will solche Menschen in eine tiefe Grube stürzen, in der ein feuerspeiender Drache lebt. Der vom Einhorn Verfolgte kann sich im letzten Moment noch an dem Zweig eines Baumes festhalten, von dem ihm Honig auf die Lippen tropft. Während er sich an dem Honig labt, merkt der Verfolgte nicht, dass eine schwarze und eine weiße Maus den Stamm des Baumes annagen. Um doch noch der Tiefe der Drachengrube zu entkommen, versucht der Verzweifelte mit seinen Füßen an einem Felsenvorsprung besseren Halt zu gewinnen. Sein Schicksal: Dabei schreckt er vier Schlangen auf, die ihn anzüngeln und ihre Giftzähne in ihn schlagen …

Von der Hilfsbereitschaft des Einhorns weiß Basilius, ein ostkirchlicher Heiliger zu berichten. Einst schlief ein Elefant an einen Baum gelehnt. Jäger, die wussten, dass sich der Elefant mit dem Aufstehen aus einer liegenden Haltung schwer tut, sägten den Baum an der Schlafstelle des Elefanten an und tatsächlich fiel in der darauf folgenden Nacht der Baum samt dem gewaltigen Tier um. Da kamen die Jäger aus ihren Verstecken herbei gerannt und rissen dem wehrlosen Tier bei lebendigem Leib das Elfenbein aus dem Kiefer, obwohl es herzzerreißend jammerte. Ein Einhorn, das dieses Wimmern, Brüllen und Jammern hörte, kam dem Giganten zu Hilfe, als die Jäger ihre Beute davon getragen hatten. Es kniete sich mit seinem Horn neben den Elefanten und mit Hilfe des Horns und der Kraft des Einhorns gelang es dem Elefanten, sich langsam wieder aufzurichten.

Ein niederländischer Priester, der 1389 Palästina besuchte, berichtet zuverlässig von der Heilkraft des Hornes eines Einhorns. Es gebe im Heiligen Land einen Fluss namens Mara, der bitter sei. Es handele sich um jenen Fluss, den Mose aus dem Felsen schlug und versüßte, damit die Israeliten sein Wasser trinken konnten. Johann von Hesse aus Utrecht schreibt in seinem Reisebericht, dass böse Tiere nach Sonnenuntergang das Wasser des Flusses vergifteten, so dass niemand mehr davon trinken konnte. In der Morgenfrühe aber, als die Sonne aufgegangen war, will der Niederländer gesehen haben, wie vom Meer her ein Einhorn kam, das sein Horn in den Fluss tauchte und ihn auf diese Weise wieder entgiftete, so dass tagsüber jedermann aus ihm trinken konnte. Die Mystiker verstanden die Erzählung des Utrechter als Sinnbild für die Entsühnung des Menschen durch Christus (in Gestalt des Einhorns), die Heilkundler als Beweis für die entgiftende Wirkung des Hornes.

Der amerikanische Schriftsteller Tennessee Williams hat in unseren Tagen ein poetisches Gleichnis von großer Kraft geschaffen. In "Die Glasmenagerie" erzählt er von Laura, einer Frau, die durch die Spuren einer Kinderlähmung körperlich versehrt ist und gleichzeitig an der nicht erwiderten Liebe zu einem jungen Mann namens Jim leidet. Ihre Aufmerksamkeit widmet sie einer Sammlung kleiner Glastiere, die ihrer Meinung nach genauso verletzlich und sensibel sind wie sie selbst. Eines dieser Glastiere ist ein Einhorn. Weil dieses Tier so eigen und besonders ist wie sie selbst, identifiziert sich Laura mit ihm. Bei einem seiner Besuche lässt der ungeschickte Jim gerade dieses Glaseinhorn auf den Boden fallen. Dabei bricht das Horn des Tieres ab, was Laura aus ihrer Traumwelt herausreißt: Das Einhorn ist nun genauso gebrochen wie sie, erscheint nicht mehr als besonderes Tier, das sich durch sein einzelnes Horn von anderen Tieren unterscheidet. Der Autor lässt offen, ob dieses Unglück Laura von dem Trauma ihrer Kinderlähmung befreien kann.

Auch das tapfere Schneiderlein der Gebrüder Grimm begegnete dem Einhorn. In diesem Märchen erscheint das Einhorn als wildes und Schaden stiftendes Tier. Ehe das tapfere Schneiderlein die Königstochter ehelichen darf, muss es verschiedene Mutproben bestehen. Unter anderem verlangt der König von ihm, das Einhorn einzufangen. Kein Problem für das Schneiderlein, dessen Motto "Siebene auf einen Streich!" lautet. Es nimmt sich einen Strick und eine Axt und streift damit durch den Wald. Schon bald springt das Einhorn herzu, gerade so als wolle es den Schneider aufspießen. Der Schneider hastet vor einen Baum und versucht das Einhorn zu beruhigen: "Langsam, langsam, so schnell geht das nicht!" Doch das Einhorn wird durch die Worte des Schneiders nur noch mehr angestachelt und rennt mit ganzer Kraft gegen ihn. Kurz bevor ihn das schnaubende Einhorn erreicht, hechtet der Schneider zur Seite und das wilde Tier verbohrt sich mit seinem Horn tief in dem Stamm des Baumes. "Jetzt habe ich das Vögelein gefangen", meint daraufhin das tapfere Schneiderlein, legt dem Tier den Strick um den Hals, haut mit der Axt das Horn aus dem Holz und führt das gefangene Einhorn geradewegs zum König, der nicht schlecht über diesen Fang staunt.

Warum gibt es heute keine Einhörner mehr? Die einen sagen: Es gibt sie schon noch, aber sie leben in einer anderen Welt als wir, zeigen sich in unserer Welt nur denen, die lieben. Doch es gibt auch eine alte Geschichte, die vom Untergang der Einhörner spricht und ihn mit negativen Charaktereigenschaften dieser Tiere in Verbindung bringt. Als Noah die Tiere vor der Sintflut retten wollte, indem er sie in seine Arche rief, gehorchten alle - bis auf das Einhorn, das auf seine eigene Kraft vertraute. Das Wasser stieg und stieg, das Einhorn begann zu schwimmen. Nach und nach verschwanden die Wipfel der Bäume, später selbst die Gipfel der Berge in den Fluten. Noch immer gelang es dem Einhorn, sich schwimmend oben zu halten. Erst als sich Scharen von Vögeln auf seinem Horn und seinem Rücken niederließen, um sich vom Fliegen über dem endlosen Meer auszuruhen, verließen das Einhorn seine Kräfte und es ertrank in den Wassern.

Verwendete Literatur:

 

Beer, Rüdiger Robert, Einhorn - Fabelwelt und Wirklichkeit, München 1972

Borges, Jorge Luis / Guerrero, Margarita, Einhorn, Sphinx und Salamander, München 1964

Hörisch, Jochen (Hrsg.), Das Tier, das es nicht gibt, Nördlingen 1986

Mattejiet, Ulrich / Schulze, Ursula (Hrsg.), Vom Einhorn und der Schönen Melusine, Düsseldorf - Zürich 1999

Schöpf, Hans, Fabeltiere, Graz 1988

Schumacher, Yves, Tiermythen und Fabeltiere, Bern 2001

Thenius, Erich / Vávra, Norbert, Fossilien im Volksglauben und im Alltag, Frankfurt am Main 1996

Thuja, Aleke, Dem Einhorn auf der Spur, Kiel 1984