Fabian und sein Vater

Fabian ist zehn. Vor vier Jahren haben sich seine Eltern getrennt. Das heißt: Sein Vater hat ihn und seine Mutter aus dem Haus geworfen. Elf Jahre Ehe am Ende - wegen der Geliebten des Vaters. Die Mutter von Fabian ließ sich scheiden. Die Geliebte zog mit ihrem Sohn im Haus des Vaters ein. Alle zwei Wochen besuchte Fabian seinen Vater samt dessen neuer Familie: Monika und Patrick. Er hatte sich an die Situation gewöhnt. Mit Patrick im Haus, der zu Fabians Vater auch „Papa“ sagen musste, freundete er sich an. Fabian war traurig, wenn der Sohn der Geliebten seines Vaters am Wochenende weg, das heißt bei seinem eigenen Vater war. Der Spielkamerad fehlte.

 

In der nächsten Zeit wird sich einiges ändern. Das wurde Fabian am letzten Wochenende klar, als er von seinem Vater und einer um etwa zehn Jahre jüngeren Frau namens Verena abgeholt wurde. Sie gingen zunächst einen Kaffee trinken, dann ins Kino. Im Kino war Verena nicht dabei. Aber anschließend holten Fabian und sein Vater Verena zu Hause ab, um gemeinsam zum Essen zu gehen. Anschließend brachten der Vater und Verena Fabian zu seiner Mutter zurück.

 

„Wenn das die neue Freundin von meinem Vater ist, dann kann mein Vater auf mich pfeifen!“, verkündete Fabian seiner Mutter. „Das ist bestimmt die neue Freundin von meinem Vater. Patrick und Monika waren heute nicht dabei. Die waren zu Hause. Das lasse ich mir nicht gefallen. Jetzt habe ich mich an die Beiden gewöhnt, und jetzt kommt da eine andere Frau. Und nach ein paar Monaten kommt da wieder eine andere Frau. Das finde ich nicht gut.“

 

Mit seinen Worten drückte Fabian seine Enttäuschung aus. „Was wird denn jetzt mit dem Patrick? Muss der nun auch wieder aus dem Haus heraus?“, fragte Fabian seine Mutter. „Das weiß ich nicht, ich weiß nicht, was dein Vater macht, was da im Moment läuft. Das geht mich auch nichts an, das müssen die unter sich ausmachen, Fabian.“ „Aber wenn die Monika und der Patrick jetzt auch wieder aus dem Haus heraus müssen wie du und ich damals, dann finde ich das gemein, und dann kann mir mein Vater den Buckel runter rutschen, dann fahre ich nicht mehr zu ihm.“

 

Am anderen Tag rief der Vater bei Fabian an und fragte ihn, wie ihm denn Verena gefalle. „Da siehst du´s: Das ist seine neue Freundin“, sagte Fabian zu seiner Mutter. „Und was hast du zu ihm gesagt?“ „Nichts Besonderes. Ich habe `Na ja´ gesagt, der wird schon merken, was ich von der Sache halte, wenn ich nicht mehr zu ihm fahre.“

 

Ein kleines Kapitel aus einer Scheidungsgeschichte. Die meisten Kinder verlieren den Kontakt zu dem Partner, der sie nur alle zwei Wochen sieht. Das liegt aber in den seltensten Fällen daran, dass dieser Partner nicht das Sorgerecht für die Kinder hätte. Es liegt meist am Verhalten des fernen Elternteils, an den Enttäuschungen, die Kinder von dieser Seite her einstecken müssen. Kinder idealisieren ihre Eltern und wenn sich Eltern verantwortungslos verhalten, zerbröckelt mit der Idealisierung auch der Wunsch nach Kontakt.

Wie wichtig sind meine Kinder für mich? Achte ich sie als meine Kinder? Bin ich bereit, mich für sie auch einmal zurückzustellen? Bin ich bereit, alles für eine gesunde psychische Entwicklung meiner Kinder zu tun? Oder verhalte ich mich als Ehepartner und Elternteil so, als gäbe es keine Kinder in meinem Leben?