Plädoyer für gepflegten Klatsch

Nennen wir das Schimpansenweibchen Judy. Judy betrügt ihren Partner. Unauffällig und langsam bewegt sie sich von ihm fort. Hinter einem Busch wird sie von einem anderen männlichen Affen längst erwartet. Judy genießt es, sich hingebungsvoll von ihm pflegen zu lassen. Um einem Verdacht des Partners zuvorzukommen, hält sie beim Fremdgehen den Kopf ruhig über die Buschwipfel, so dass sie ständig vom hintergangenen Affenmännchen gesehen werden kann. Ganz still hält sie, während sie von fremden Fingern gekämmt, nach Parasiten, Hautschuppen und Schmutz durchsucht wird.

 

Das Beispiel von Judy zeigt, dass das Kraulen der engsten Verwandten unter Tieren nicht nur der Hygiene dienen kann. Und das wird nun auch wissenschaftlich bestätigt. Forscher haben herausgefunden, dass Gorillas eher schmutzig wären, wenn die gegenseitige Fellpflege allein der Hygiene diente. Sie wenden nämlich im Vergleich zu ihrem Körpergewicht und ihrer Größe viel zu wenig Zeit dafür auf: gerade mal ein Prozent ihrer aktiven Zeit. Gorillas sind bekanntermaßen Einzelgänger. Ganz anders dagegen die Springäffchen: Siebenmal länger lausen sie sich als die Gorillas. Warum? Weil ihre Rudel größer sind. Und je größer ein Rudel, desto länger die Zeit der wechselseitigen Fellpflege.

 

Fellpflege ist also eine wichtige Form der sozialen Kommunikation und eine Art Bindemittel zwischen den Rudelmitgliedern. Das liegt daran, dass durch das Kratzen und Lausen körpereigene Opiate freigesetzt werden, die eine wohltuende Wirkung haben: Die Artgenossen fühlen sich „sauwohl“ bei dieser Art Beschäftigung. Man belohnt sich quasi gegenseitig, denn wer krault und gekrault wird, der lebt besser. Abzocker haben hier keine Chance. Nur Tiere, die sich gegenseitig gepflegt haben, helfen einander in Gefahren.

 

Was aber noch erstaunlicher ist: Forscher haben auch herausgefunden, dass Affen, die in großen Gruppen leben und solche sozialen Verhaltensweisen lernen, auch den größten Neocortex haben. Der Neocortex ist der Teil des Gehirns, wo höhere, geistige Funktionen angesiedelt sind. Würde man die Pflegeverhältnisse mancher Affenarten auf uns Menschen übertragen, so müsste die Gruppe von Streichel-, Kuschel- und Hautpflegepartnern für einen einzigen Menschen etwa 150 Personen umfassen.

 

Für manchen mag es eine schöne Vorstellung sein, täglich 150 Partner zu haben, die er streichelt oder von denen er gestreichelt wird, denn auch dem Menschen tut dies gut. Realistisch ist diese Vorstellung allerdings nicht. Aus praktischen Gründen sind die Gruppen, in denen eine solche soziale Kommunikation möglich ist, nicht besonders groß: die Familie, höchstenfalls die Sippe.

 

Uns hat die Evolution aber ein viel wirksameres und zeitsparenderes Mittel an die Hand gegeben, soziale Kommunikation und Kontrollen zu garantieren: die Sprache. Sie dient am wenigsten der Übermittlung hehrer Gedanken und philosophischer Erkenntnisse. Der größte Teil unseres täglichen Sprechens ist schlichtweg Klatsch, oder soziologisch gesprochen: Austausch sozialer Belange. Wer mit wem und wann und wo: Die Fellpflege der Affen auf einer anderen Ebene. Menschen brauchen den Klatsch.

Heute schon geklatscht? Warum nicht? Man muss nicht gleich über andere herfallen, aber warum nicht einen kleinen Small-talk einlegen? Viele zündende Produktideen entstehen vor dem Kaffeeautomaten der Firma.