√?ber das Staunen

Peter Bamm erzählt in „Eines Menschen Einfälle“ eine recht merkwürdige Geschichte. Da hat sich einer in eine stille Straße eines besseren Londoner Viertels verirrt und sieht am Eingang einer kleinen Villa, wie sich ein Mann bemüht, ein Pferd durch die Tür ins Haus zu bugsieren. Weil ihm dies nicht recht gelingen will, hilft ihm der Vorbeigehende. Als die beiden das Pferd ins Haus verbracht haben, will sich der Gast verabschieden. „Ach nein“, meint der andere, „entschuldigen Sie. Das Pferd muss nämlich noch in die Badewanne.“ Nach einer halben Stunde ist das Pferd tatsächlich in der Badewanne, legt den Kopf auf den Rand und bleckt mit den Zähnen. „Ich möchte ja nicht indiskret sein“, sagt daraufhin der vorüber gekommene Helfer, „aber können Sie mir nicht verraten, warum das Pferd in die Badewanne muss?“ Die Antwort des Hausbesitzers: „Ich habe eine Freundin, die die Gewohnheit hat, immer nur `Na und?´ zu sagen.“ Der Frager hört, dass sie „Na und?“ sagt, wenn sie ein Theaterbillet geschenkt bekommt, wenn sie eine Rivierareise bekommt oder einen Brillantring erhält. Der einzige Kommentar ist immer „Na und?“ „Aber was hat das mit dem Pferd in der Badewanne zu tun?“ „Nun“, erklärt ihm der Hausbesitzer, „bald wird meine Freundin kommen. Zuerst wird sie ins Badezimmer gehen, um sich die Hände zu waschen. Sie wird zum mir gestürzt kommen: `Um Himmels willen! In der Badewanne ist ein Pferd!´ Und ich werde sagen: `Na und?´“

Eine merkwürdige Geschichte, nicht? Eine Geschichte von einem Menschen, der sich nicht mehr freuen, der nicht mehr staunen und nicht mehr danken kann. Gleichgültigkeit hat das Herz der Frau überzogen, es einfrieren lassen. Emotionen Fehlanzeige. Weil ihr das Staunen fehlt, erlebt sie nichts mehr, versteht sie auch nichts mehr, denn die Welt kann man - nach einem Wort von Antoine de Saint-Exupéry - nur nach dem verstehen, was man staunend erlebt.

Worüber habe ich heute gestaunt? Was hat mich heute gefreut? Wem habe ich heute gedankt? Bin ich noch wach, den Menschen gebenüber, denen ich begegne? Erlebe ich die einzelnen Tage noch, oder verschwimmen sie in einem öden Zeitbrei, in dem alle Eindrücke untergehen?