Unpopulär

Die Stadt New Orleans hatte ein Problem: die Jugendkriminalität. Aber sie bekam einen neuen Bürgermeister. Und der handelte auf ungewöhnliche Weise. Seine Lösung des Problems: eine nächtliche Ausgangssperre für Jugendliche. Jugendliche unter 17, so seine Anweisung, müssen sich nach Einbruch der Dunkelheit zu Hause aufhalten und dürfen ihr Elternhaus erst ab sechs Uhr morgens wieder verlassen. Doch damit nicht genug. Der Bürgermeister wusste, dass allein diese Regelung ins Leere laufen würde. Deshalb ordnete er an, dass Jugendliche unter 17, die nachts aufgegriffen werden, zu einem "Ausgangssperrenzentrum" verbracht werden. Innerhalb von sechs Stunden - so wurden die Eltern angewiesen - haben sie ihre Kinder dort abzuholen. Wenn nicht, kommen die Eltern vor ein Familiengericht, haben eine Strafe zu zahlen und - was für viele noch härter ist - an psychologischen Beratungen teilzunehmen.

 

Der Erfolg dieser Verordnung war überwältigend. In den ersten zehn Monaten der Operation wurden etwa 3.500 Jugendliche durch die Polizei aufgegriffen und etwa 350 Waffen von Teenagern sichergestellt. Die Jugendkriminalitätsrate fiel um über 40 Prozent, die allgemeine Kriminalitätsrate um etwa 30 Prozent. Etwa 80 Prozent der aufgegriffenen Jugendlichen lebten nur mit einem Elternteil, ebenfalls 80 Prozent waren Schwarze. Deshalb warf man dem Bürgermeister Rassismus vor. Er habe es vor allem auf die Schwarzen abgesehen. Das störte ihn aber nicht. Selbst ein Schwarzer, gab er unumwunden zu, dass sich die Polizei natürlich vor allem auf die armen schwarzen Viertel konzentriere, wo eine hohe Kriminalitätsrate herrsche. Sich auf die reichen weißen Viertel zu konzentrieren, bedeute das Geld zum Fenster hinauszuwerfen, weil es dort kaum einen Anreiz, kriminell zu werden, gebe.

 

"Ich werde kein Geld dafür verplempern, die Ausgangssperre in sicheren Gebieten durchzusetzen, nur weil das politisch korrekt wäre", meinte er zu den Vorwürfen. Die Aktion hatte trotz der Vorwürfe Erfolg: Eine Meinungsumfrage zeigte, dass über 90 Prozent der Bürger von New Orleans die Ausgangssperre für richtig hielten. Bei der Durchführung wurde allerdings ein Problem aufgedeckt, um das man sich mit neuen Ideen auch annehmen muss: Viele Eltern kamen mit ihren schwierigen Kindern, die zu Hause bleiben mussten, nicht zurecht. Einige riefen die Polizei an, sie solle ihnen helfen, da sie die Kinder nicht kontrollieren könnten. Der Bürgermeister von New Orleans wird sich auch dazu etwas einfallen lassen müssen. Bei seiner Tatkraft wird er aber wohl auch für dieses Problem eine Lösung finden. Jedenfalls zeigt sein Beispiel, dass es noch Politiker gibt, die zunächst unpopuläre Maßnahmen ergreifen, wenn sie von ihrer Richtigkeit überzeugt sind, Politiker, für die „politische Korrektheit“ nicht den höchsten Wert darstellt, Politiker, die eine allseits zufriedenstellende Lösung eines Problems nicht aus den Augen verlieren. Männer (oder auch Frauen) mit Mut.

Welche mir bekannten Politiker haben schon unpopuläre Entscheidungen getroffen und mit ihren Entscheidungen Erfolg gehabt? Welchen Gruppen reden die einzelnen Politiker hierzulande nach dem Mund? Habe ich selbst den Mut zu unpopulären Handlungen? Wieviel Widerstand kann ich ertragen?